Keine Angst vor Gefühlen!

bratscheGefühle verunsichern viele Menschen. Positive Gefühlsausbrüche sind weitestgehend ok, werden aber von anderen oft mit etwas Neid beäugt. Negative Gefühle versuchen wir in der Öffentlichkeit, so gut es geht, zu unterdrücken. Unsere Mitmenschen könnten uns für schwach, unkontrolliert, exzentrisch oder hysterisch halten. Außerdem können Gefühle überwältigend sein. So haben Menschen Angst, dass einiges im Leben aus den Fugen geraten könnte, wenn sie Gefühle zulassen.

 
 

Niemals liegen tiefe Zuneigung und Verletztbarkeit so nah beeinander, wie wenn wir unser Herz öffnen.

Wenn wir unsere Gefühle ständig unterdrücken, schneiden wir einen wesentlichen Teil von uns selbst ab und kosten das Leben nicht in seiner ganzen Intensität aus. Wer sich von Schmerz, Wut, Trauer abschneidet, blockiert damit auch schöne Gefühle wie Freude oder Liebe. Zum Leben gehört die gesamte Gefühlsfarbpalette, denn erst durch sie wird es bunt.So sinnvoll es ist, eigene Gefühle kontrollieren zu können, so wichtig ist es auch, sich hin und wieder auf die Entdeckungsreise nach seinen Emotionen zu machen. Eine Reise zu sich selbst mit dem Ziel: das bewusste Wahrnehmen von Gefühlen, führt zu interessanten Selbsterkenntnissen.

Wichtig ist, sich klarzumachen, dass es zwischen den Extremen keine Gefühle zu zeigen und dem sich unkontrolliert in Gefühle hineinzusteigern Abstufungen gibt. Es besteht durchaus die Möglichkeit, sich seinen Gefühlen in kleinen Schritten, auf eine gesunde Art zu nähern, sie konstruktiv und in angemessener Intensität auszudrücken.

Leben heißt Fühlen

Tatsache ist, dass sich Gefühle gar nicht dauerhaft unterdrücken lassen – vor allem negative. So sehr wir sie auch verdrängen möchten, sie sind dennoch da. Sie wirken als unbewusste Emotionen in tieferen Schichten unseres Körpers, führen zu Blockaden und zu psychosomatischen Erkrankungen.

Gefühle haben viel Energie – positive oder negative. Diese Energie konstruktiv auszuleben, tut gut. Begeben Sie sich auf eine Entdeckungsreise zu Ihren Gefühlen. Sie müssen dabei nicht in die Tiefe gehen. Es reicht, wenn Sie mit Neugier und Offenheit schauen, was so alles in Ihnen ist.

Im Folgenden finden Sie Anregungen, mit denen Sie Ihre Gefühle nicht nur entdecken, sondern auch ausleben können. Die Übungen können Sie jederzeit zwischendurch machen, wenn Sie spüren, dass etwas in Ihnen Ausdruck finden möchte. Wichtig ist, dass Sie sich möglichst keine Gedanken über die Ergebnisse machen. Vergessen Sie jeglichen Perfektionismus und gehen Sie im TUN auf!

Übung: Gefühle beschreiben

Unsere Gefühle zu beschreiben, fällt uns am leichtesten. Im Gespräch mit vertrauten Menschen können wir uns so weit öffnen, dass wir über unsere Gefühle sprechen. Doch das geht nicht immer.

Nutzen Sie dann einmal die Methode des Free-Writings, um sich schreibend Ihren Gefühlen zu nähern! Sie brauchen ca.15 Minuten Zeit, in denen Sie ungestört sein können.

1. Schreiben Sie auf ein Blatt Papier den Titel Meine Gefühle! Schließen Sie nun die Augen und atmen Sie einige Male tief durch! Spüren Sie in sich hinein: Was fühlen Sie gerade? Was bewegt Sie? Für den Anfang brauchen das keine spektakulären Empfindungen zu sein. Auch so etwas wie müde, neugierig, ungeduldig oder albern sind Empfindungen. Registrieren Sie, welche Worte Ihnen in den Sinn kommen.

2. Öffnen Sie nun die Augen und schreiben Sie alles auf – unsortiert und unzensiert, ohne viel zu überlegen! Sie brauchen nicht auf Rechtschreibung oder Stil zu achten. Alles, worum es geht, ist einfach eine schriftliche Skizze von dem zu bekommen, was da gerade in Ihnen ist.

Wiederholen Sie diese Übung ruhig einige Male! Sie kann sogar zu einem täglichen Ritual werden. Free-Writing bringt Sie in Kontakt mit dem, was in Ihnen ist. Sie werden sehr viel bewusster Ihre Aufgaben angehen und können einigen Ballast loswerden.

Übung: Gefühle malen

Gefühle lassen sich nicht immer vollständig in Worte fassen. Manchmal sind sie diffus und flüchtig. Nutzen Sie einmal die Möglichkeit, das was in Ihnen ist, in Farben und Formen auszudrücken. Sie brauchen dafür Maluntergrund (Papier, Pappe, Leinwand, Holz, Metall, Glas) und Farben.

1. Versetzen Sie sich in ein Gefühl Ihrer Wahl! Vielleicht spüren Sie den ganzen Tag schon etwas in sich rumoren. Oder Sie machen sich Musik an, mit der Sie sich gut in ein bestimmtes Gefühl versetzen können!

2. Schließen Sie wieder die Augen, um intensiv in Kontakt mit dem Gefühl zu kommen! Und malen Sie dann einfach drauf los! Es geht nicht darum, ein Bild zu malen, sondern nur die Gefühle mit Farben und Formen auszudrücken (Ausdrucksmalen).

3. Lassen Sie sich ganz von Ihrem Inneren leiten – kritzeln Sie, Malen Sie Linien, Kreise, Quadrate, Wellen, Punkte… Möchten Sie alles gelb malen, tun Sie es! Spüren Sie den Impuls, mit mehreren Stiften gleichzeitig zu malen, warum nicht? Vertrauen Sie sich ganz Ihrer Intuition an und seien Sie neugierig darauf, was sich Ihnen zeigen wird!

Sie können die Bilder nach der Übung wegwerfen oder, wenn Sie Ihnen gefallen, auch als Deko aufhängen. Wichtig ist nur, während der Übung keinerlei Qualitätsanspruch an das Ergebnis zu haben.

Übung: Gefühle tönen

Wir können unsere Gefühle auch in Tönen ausdrücken. In den seltensten Fällen nutzen wir unsere Körperklangmöglichkeiten – vielleicht aus Scham. Trauer wird oft in Schluchzen ausgedrückt, Wohl-Befinden in Seufzen.

1. Ziehen Sie sich für diese Übung zurück und sorgen Sie für Ungestörtheit! Legen, setzen oder stellen Sie sich hin und bringen Sie sich wieder in Kontakt mit einem intensiven Gefühl! Lassen Sie sich durch Musik oder einen Duft inspirieren!

2. Während Sie sich immer tiefer auf Ihr Gefühl einlassen, erlauben Sie sich Töne zu machen. Zunächst nur ganz leise und zaghaft. Vielleicht ist es ein Brummen, Quietschen, Zischen, Wimmern, Grollen? Geben Sie den Impulsen nach, ohne sie zu zensieren oder zu unterdrücken. Erlauben Sie sich nach und nach lauter zu werden.

Übung: Gefühle tanzen

Eine ganzkörperliche Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, ist der Tanz. In Europa wird das viel zu wenig genutzt. Seltsamerweise tanzen Kinder und Jugendliche fast alle gern und können sich auf der Tanzfläche auch richtig gehen lassen. Mit dem Erwachsenwerden lässt das meist nach.

1. Probieren Sie diese Möglichkeit aus, wenn Sie allein sind! Wählen Sie eine Musik, die Sie berührt! Hören Sie die Musik ruhig ein bisschen lauter (eventuell mit Kopfhörern). Schließen Sie die Augen und spüren Sie in sich! Lassen Sie sich von der Musik umschmeicheln oder aufrütteln! Nehmen Sie Melodie, Rhythmus, Stimme, Instrumente und Gesamtbild der Musik bewusst wahr.

2. Wenn Sie einen Impuls spüren, dann geben Sie dem nach. Zu Beginn werden es eher kleine Bewegungen sein – bis Sie sich mehr trauen. Lassen Sie alles zu, was Ihr Körper tun möchte. Schwingen Sie mit den Armen, hüpfen Sie, wiegen Sie sich im Takt, drehen Sie sich! Was immer sich da ausdrücken will, heißen Sie es willkommen und erfreuen sich an Ihren eigenen Bewegungen. Tanzen Sie Ihren ganz persönlichen Tanz!

Wiederholen Sie diese Übung mit unterschiedlichen Musikarten und seien Sie gespannt darauf, wie viel Ausdruckskraft Sie an sich entdecken.

Wenn du jemanden tanzen siehst und denkst, der sei verrückt, dann liegt das nur daran, dass er nach seiner inneren Melodie tanzt und nicht zum Sound eines Orchesters.

Übung: Gefühle spielen 

Sie haben Ihre Körperhaltung, Mimik und Gestik, um darzustellen, was in Ihnen ist – wie ein Pantomimekünstler ohne Töne und Worte. Nehmen Sie sich den ganzen Raum, um sich auszudrücken! Haben Sie Mut aus sich herauszugehen. Diese Übung können Sie zunächst auch allein für sich machen. Mit vertrauten Menschen kann es aber auch sehr interessant werden.

Bei allen Übungen kann es sein, dass die Gefühle dadurch stärker werden. Der körperliche Ausdruck dessen, was wir fühlen, kann im wahrsten Sinne sehr bewegend sein. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie lachen oder weinen möchten – tun Sie es! Lassen Sie sich auf Ihre Gefühle ein!

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